"Dr. Holger, Sieger der Altersklasse 50-60 Jahre"
Erlebnisbericht zum Dead Sea Ultra Marathon 2002 von Dr. Holger Finkernagel
Da musste ich erst nach Amman reisen, um einmal auf dem Treppchen ganz oben zu stehen...
Es waren 50 lange Kilometer, die ich in kühler Dunkelheit begann und bei sommerlicher Wärme beendete. Zum Schluss stand ich da oben, wo es mir eher unangenehm ist, besonders hier, wo so viele zuschauen, da bekomme ich den Pokal wohl mehr für mein Alter, als für die Leistung.
4:20 h, meine beste Leistung auf 50 Kilometer. Sie sind schon alt, meine Gelenke, Muskeln aber auch mein Kopf, der dauernd denkt, wenn er läuft und dabei so viel Kohlenhydrate verbraucht, die dann den Muskeln fehlen.
Mit 13 liebenswerten Läufern reisen wir aus Frankfurt an und werden gleich von Lama und Dima Hattab herzlich begrüßt. "Mister Doktor - Doktor Holger" ist mein offizieller Name in Jordanien, wo man mich schon von einigen Besuchen her kennt.
Mein Nachname ist für sie so schwer, wie für mich all die vielen exotischen Namen der Jordanier, die ich so leicht vergesse, auch da wo es wichtig gewesen wäre, was man mir später auch mal übel nimmt.
Unser Weg führt in ein 5 Sterne-Hotel, eigentlich gegen meine Philosophie doch es wurden harte Preisverhandlungen geführt und so fühlen wir uns in dem Luxus recht wohl...
Mit Blick über das hell erleuchtete Amman sitzen wir abends auf der Dachterrasse des Radisson-SAS-Amman und speisen fürstlich.
Die Zimmer sind riesig, sog. King Size-Betten, da passen in jedes Bett 2, Uli und ich schlafen heute mal komfortabel getrennt.
Morgens reisen 11 nach Jerash, einer Römersiedlung mit gut erhaltenen Tempeln und einem herrlichen Amphitheater.
Uli und ich bereiten eine Pressekonferenz am frühen Nachmittag vor. Wir wollen etwas über die WHMF (World Humanitarian Marathon & Ultramarathon Foundation) berichten.
Herr Sultan Abu-Jaber ist wichtigster Gast, neben Andreas Fiedler, dem liebenswerten Vertreter der Deutschen Botschaft, der später berichten wird, dass er mit einigen Botschaftsangestellten im nächsten Jahr beim JEBL ISHRIN mitlaufen will.
Wolfgang Hofmann, der touristische Organisator der Reise, und Dieter Knoblich, der technische Berater vom Marathon Club Menden, und Uli, die Renndirektorin des JEBL ISHRIN-Marathon, werden auch vorgestellt.
Ein großes Aufgebot der jordanischen Presse ist gekommen, Fernsehen, Radio, die schreibende Zunft, sie alle wollen etwas über die Ziele der WHMF, über unsere Teilnahme am Dead Sea-Ultramarathon und den JEBL ISHRIN-Marathon erfahren.
Yolla Khouri, unsere unglaublich bemühte und sehr freundliche lokale Reiseleiterin bringt uns später die Startertüten vorbei mit allen Unterlagen.
Neben allerlei Papieren finden wir 3 T-Shirts, 3 Laufmützen, Riegel, Getränke und so weiter, darin.
Gegen Abend findet im mondänen Hotel Intercontinental die Pasta Party statt, die es in sich hat, Pasta vom Feinsten, so viel wie man möchte, Trinken, unterhalten, Freunde treffen, auch den Prinzen, einen Bruder des Königs. Spät kehren wir ins Radisson zurück.
Jetzt heißt es, sich dem sportlichen Event zu widmen.
Laufsachen bereit legen, Nummer befestigen, Umkleidesachen in einen Sack, Duschsachen, Badesachen - es geht ans Tote Meer, da soll man auf dem Wasser schwimmen, kaum im Wasser.
Am nächsten Morgen heißt es früh aufstehen, es ist noch dunkle Nacht, als wir uns auf den Weg machen.
Ich renne vom Bus gleich zum Start der 50 Kilometer - ja wo ist der denn?
Niemand da, nur ein Polizist auf dunkler Straße, sind die schon weg...?
Ich werde nervös.
Hetze zurück, frage jemand, der zur Organisation gehört, erfahre, dass ich wohl richtig war aber noch zu früh. Schnell suche ich noch mal die Toilette auf, quer durch einen Supermarket, morgens um 5:00 Uhr schon extra geöffnet. Eine Läuferschlange steht vor dem Klo, da ist doch noch eine Behinderten-Toilette rechts davon, das wäre doch was für mich...
Ein Blick hinein - jetzt weiß ich, warum niemand da drauf will, ich verlasse schnell den Markt, verkneife mir was ich zurücklassen wollte. Ich behalte es bis zum späten Abend, macht auch nichts, bin eh zu nervös.
Dehnen, warmlaufen, schauen wer da ist, bin ich jetzt an der richtigen Startstelle? Die Marathon-Läufer und Halbmarathonläufer fahren in Bussen zu ihren Startplätzen.
Ca. 50 Ultraläufer sammeln sich auf der engen Straße zum Start, nervös, wie Rennpferde möchten sie vor der Startlinie, 50 cm näher am Ziel losrennen, Zeit sparen...
Dann der Startschuß aus der Pistole von Rafic Hamarneh, einem orthodoxen Christen, Geschäftsmann aus Amman, landwirtschaftliche Maschinen handelnd, Chef der Veranstaltung und Chef der Society for Care of Neurological Patients in Jordanien, für die diese Wohltätigkeitsveranstaltung stattfindet.
Junge Jordanier rennen los wie vor einem 100 Meter-Lauf, wie weit sie wohl kommen werden, sind es die Relay (Staffel)-Läufer, wollen sie im Fernsehen, das direkt überträgt ganz vorne zu sehen sein?
Ich will mir das Rennen einteilen, es soll über 1300 m bergab gehen, kaum bergauf, aber doch 50 Kilometer dauernd auf der Straße.
Alle 4 Kilometer eine Verpflegungsstelle, ich wundere mich, wie gut es in den wärmer werdenden Morgenstunden geht, freue mich auf das Bergablaufen, will hinuntereilen, so schnell es eben mit meinen alten Beinen gehen möge.
Der Abstand zu den vor mir laufenden wird größer, ich weiß nicht wie viele hinter mir sind, es sind wohl nicht mehr viele.
Dima ist enteilt, gar nicht mehr zu sehen, will gewinnen, hat sich der späteren Siegerin, die viel zu schnell für sie ist und einen Marathon deutlich unter 3 Stunden läuft, angeschlossen, es wird ihr "Untergang" sein, Tränen wird sie vergießen.
Wir wollten gemeinsam laufen, ich sie pacen, sie zum 2. Platz führen, das war drin, das wäre sie geworden..... Sie ist noch so jung, hat das südländische Temperament in sich, was sie so liebenswert macht, ihr Lächeln, das schönste weltweit.
Irgendwann läuft sie vor mir, Sigrid Eichner, ihren vielleicht 770. Marathon vor sich, ist später gestartet, 8 km vor mir. Dann kommt Dieter Knoblich in meinen Blick, auch an ihm eile ich vorbei, will hier bergab Zeit machen, da es noch eine lange flache Strecke zu laufen gilt. Wolfgang, Helmut und Petra und Lydia und auch Katja Gierke, die spätere Siegerin des JEBL ISHRIN-Marathon laufen Halbmarathon, sie hole ich nicht ein, sie baden im Toten Meer, als ich ins Ziel komme.
Schade, dass ich den toten Puma nicht gesehen habe, den Katja sah, Dima wollte es nicht glauben. War er es, der neben Wilfried Maier beim Desert-Cup in Jordanien vor 2 Jahren so lange bedrohlich in der Nacht herlief, mich begleiteten damals nur die Stimmen wilder Tiere durch dunkle Nacht...
Die Wärme des Tages steigt hier nicht auf, nein hier läuft man hinein in die heißen Klimazonen dicht am Toten Meer. Bergab, manche hinken schon, bekommen Schmerzen in den Beinen. Jetzt überhole ich, der ich gut trainiert bin zunehmend jene, die anfangs fluchs an mir vorbeiliefen, mich stehen ließen.
Dann kommt die lange Gerade, die mich an das Tal des Todes in den USA erinnert, wo es auch Geraden gibt, bis an den Horizont.
Der Verkehr links neben mir verläuft normal, manche zollen Beifall, andere hupen, da weicht Dima nach rechts ab in eine Rinne, verschwindet mit Hamad, dem jordanischen Wunderläufer um nicht mehr aufzutauchen, wird hier an dieser Stelle aufgeben müssen. Magenschmerzen quälen sie, sie hat bis hierhin durchgehalten, dann musste sie loslassen, die viel schnellere Läuferin ziehen lassen.
Noch 15 Kilometer, dann sieht man ja schon das Ziel, an Eseln und Kamelen vorbeilaufend, jetzt ein Endspurt und die vor mir liegenden ziehen mich an, sie zu überholen.
Wenn es das doch wäre, das Mövenpick, am Berg gelegen, 100 m über dem Toten Meer, das austrocknet. Der Strand des Hotels lag früher höher, jetzt muß man viele Stufen hinunter, um an das salzige Wasser zu kommen.
Ein langer Rechtsbogen und ich sehe endlich das Ziel, habe noch Kraft etwas zuzulegen, freue mich darauf, meine Beine auszuruhen.
Es war schon schwer den langen Weg hinab zu laufen. Die Beine tun an Stellen weh, wo sie noch nie zu mir sprachen. Und so will ich 2 Tage später den JEBL ISHRIN, einen reinen Wüstenlauf bewältigen. Zweifel kommen in mir auf.
Ich nehme die Glückwünsche der Begleiter und schon Angekommenen entgegen. Man sagt mir, dass ich Sieger der Altersklasse und immerhin 12. in der Gesamtwertung geworden bin.
Dies scheint mir der Abschluss für ein erfolgreiches Läuferjahr zu sein.
Wir erholen uns lange, trösten die ausgeschiedene Dima und feiern mit Lama später den zweiten Platz im Marathon der Frauen, den sie eigentlich gewonnen hat.
Nach einer ausgiebigen Dusche im Möwenpick geht's zurück, das Hotel in Amman erwartet uns und wir erholen uns um am folgenden Tag weiter zu reisen, ins Wadi Rum, zum JEBEL
ISHRIN Marathon 2002.
Bad Berleburg, den 4. 11. 2002
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